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Chaim Noll

Sonntagslektüre: "Der Schmuggel über die Zeitgrenze"

Von Vera Lengsfeld

Chaim Noll ist einer der produktivsten deutschsprachigen Schriftsteller. Ihn zu lesen, ist immer ein Gewinn. Anlässlich des 30. Jahretages des Endes des sozialistischen Experiments DDR habe ich noch einmal zu seinem bereits vor fünf Jahren erschienenen Buch „Schmuggel über die Zeitgrenze“ gegriffen. Es beschreibt Nolls Leben in der DDR innerhalb der Nomenklatura und wie er aus Erfahrung zum Gegner wurde, obwohl ihm alle Türen offen standen.

Noll ist der erste Sohn des Schriftstellers Dieter Noll, der mit seinem Roman „Die Abenteuer des Werner Holt“ bei der Kriegsgeneration in beiden Deutschlands eine Wirkung erzielte, die man durchaus mit der von Goethes „Das Leben des jungen Werther“ vergleichen kann. Er erzielte eine Millionen-Auflage und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Chaim, der damals noch Hans hieß, erlebte den Aufstieg seines Vaters und seine Zerrissenheit mit. Hans verbrachte eine behütete Kindheit im Prenzlauer Berg, in einem Häuserkarré, das von den Bomben verschont worden war. Im begrünten Innenhof gab es Blumen und Obstgehölze, man konnte auf der Wiese liegen und den Schmetterlingen nachschauen, oder sich nach außerhalb wagen, wo die Stadt noch in Trümmern lag, was von den Kindern als Abenteuerspielplatz wahrgenommen wurde. Nolls Beschreibung des Nachkriegs-Berlin mit seinen Bierkutschern und Trümmerfrauen, ist so lebendig, dass diese versunkene Welt vor den Augen des Lesers wieder aufersteht.

Vom Prenzlauer Berg zog die Familie erst in eine geräumige Wohnung, die von DDR-Flüchtlingen verlassen worden war, später in ein Haus am Zeuthener See. Außerdem verfügte man noch über eine Stadtwohnung am Straußberger Platz. An diesen Orten lebte Noll das privilegierte Leben eines Normenklatura-Kindes. Vater Noll bezog Zeitschriften, wie den Spiegel aus dem Westen, durfte in den verbotenen Teil der Stadt reisen und in den Devisen-Läden einkaufen. Trotzdem war dieses Leben für manche offensichtlich schwer zu ertragen. Hans Noll erlebt den heute vergessenen Schriftsteller Bodo Uhse, damals ein mächtiger Literaturfunktionär, der zum Alkoholiker wurde, weil er, wie sein Stiefsohn Joel Agee schrieb, der Meinung war, sein Leben sei verpfuscht. Er hätte sein Talent vergeudet und seine Seele an den „Schweinehund Stalin“ verkauft. Uhse starb mit 59 Jahren an einem Gehirnschlag, nachdem er schon vorher gesundheitlich angeschlagen war.

Vater Noll betäubte ähnliche Probleme mit Alkohol und Kettenrauchen. Nach den zwei Bänden Holt brachte er jahrzehntelang nichts mehr zustande. An seinem letzten Roman „Kippenberg“ schrieb er 16 Jahre, doch an seinen Erfolg konnte er nicht anknüpfen. Seinen Ruf ruinierte Noll Senior, als er sich 1979 dazu hinreißen ließ, seine Schrifstellerkollegen, die gegen die Veröffentlichungspraxis im SED-Staat protestiert hatten, in einem Brief an Erich Honecker als „kaputte Typen“ zu denunzieren. Das mag heute, da missliebige Andersdenkende als „Nazis“ gebrandmarkt werden, eher trivial erscheinen. Damals war es ein ungeheurer Tabubruch. Hans Noll erfuhr davon, als er in der Staatsbibliothek das „Neue Deutschland“ aufschlug und auf den Abdruck dieses Briefes stieß. Ein Kommilitone, der ihn beobachtet hatte, bedauerte ihn. Von vielen wurde er aber auch schief angesehen.

Nolls Buch ist ein Who is Who der DDR. Fast allen, die Rang und Namen hatten, ist er persönlich begegnet. Zum Beispiel Tutti Heartfield, die Frau des legendären John Heartfield, der von seinem Bruder Wieland Herzfelde überredet worden war, aus dem Exil in die DDR zurückzukehren, was er schwer bereute. Tutti war bis zu ihrem Tod verbittert über diese Entscheidung. Sie verachtete die DDR und ihre Machthaber aus tiefsten Herzen.

Oder Agi, die Mutter seiner ersten Freundin, die als jugendliche Emigrantin in Moskau mit Markus (Mischa) Wolf, den späteren Stasi-Spionagechef und Wolfgang Leonhardt, dem Abtrünnigen aus der „Gruppe Ulbricht“, zur Schule gegangen war. Von Agi erfuhr Hans viel über Stalins Gulag und registrierte das Schweigen, das von ehemaligen Häftlingen darüber bewahrt wurde.

Ein ähnliches Schweigen gab es in der Familie Noll über das Schicksal der Großmutter väterlicherseits, die als Jüdin mit einem „Arier“ verheiratet war und nur mit viel Glück die Naziherrschaft überlebte. Während sein Sohn sich früh zum Judentum hingezogen fühlte, hatte Dieter Noll bis zum Schluss Schwierigkeiten mit seiner jüdischen Herkunft.

Eine entscheidende Wende nahm Nolls Leben, als er bei dem bekannten Grafiker Werner Klemke dessen Tochter Sabine begegnete. Sabine gehörte zu den ganz seltenen Menschen, die sich dem DDR-System systematisch und erfolgreich entzogen. Sie war nicht bei den Pionieren oder in der FDJ. Natürlich bot die Prominenz ihres Vaters einen gewissen Schutz, aber vor allem war es der feste Wille der jungen Frau, sich nicht anzupassen. Dabei war sie ganz konsequent. Als Hans Noll den Wehrdienst verweigern wollte und man ihm in einem Gespräch auf dem Wehrkreiskommando anbot, ihn in einem rückwärtigen „sensiblen“ Bereich einzusetzen, sagte Sabine zu ihrem Mann: „Wenn Du das machst, sind wir geschiedene Leute“. Noll, der auf keinen Fall eingezogen werden wollte, trat in eine Art Hungerstreik, der ihn in eine psychiatrische Einrichtung brachte, wo er unter seien Mitpatienten vor allem Funktionäre, bis hin zu Stasileuten traf, die vor ihren Problemen mit dem System geflüchtet waren.

Als Meisterschüler von Walter Womacka an der Weißenseer Kunsthochschule gehörte Noll schließlich sogar zu denen, die in der DDR „Reisekader“ genannt wurden. Er durfte mit einigen ausgewählten Kommilitonen einen Tag nach Westberlin ausreisen, um dortige Kunstsammlungen zu besuchen. Einer Studentin wurde erst am Tränenpalast, wie der Grenzübergang am Bahnhof Friedrichstraße im Volksmund genannt wurde, mitgeteilt, dass sie doch nicht mit in den Westen dürfe. Man hätte es ihr vorher sagen können, aber diese demonstrative Zurückweisung war gewollt. Sie sollte eine erzieherische Wirkung entfalten.

Statt sich geehrt und privilegiert zu fühlen, weil er jetzt in den Westen durfte, fühlte Noll sich gedemütigt. Er beschloss, das Land zu verlassen. Obwohl er damit bei seiner Frau offene Türen einrannte, dauerte es, bis sie diesen Entschluss in die Tat umsetzen. Anlass war, dass eine Nichte des Politibüromitglieds Willy Stoph in der Prager Botschaft der Bundesrepublik Deutschland mit ihrer Familie Asyl suchte. Der Skandal war so groß, dass es in seinem Windschatten möglich war, die üblichen Ausreiseschikanen zu umgehen. Allerdings waren beide Väter strikt gegen den Entschluss ihrer Kinder. Sie fürchteten beide, Hans und Sabine würden im Westen scheitern. Das war, was die DDR-Propaganda von allen Ausreisern behauptete.

„Wir waren im Westen. Ohne Aufsicht, zum ersten Mal uns selbst überlassen. An diesem Tag endete unsere Kindheit“, damit schließt Nolls Bericht.
Statt zu scheitern, wurden beide als Erwachsene sehr erfolgreich. Sie als Malerin, er als Schriftsteller.

Chaim Noll: "Der Schmuggel über die Zeitgrenze"
(vera-lengsfeld.de)

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