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Symptome, Diagnose, Therapie

Kann man den heutigen Irrsinn mit Dostojewski erklären?

Von SELBERDENKER

Einem kritischen Zeitzeugen stellt sich seit Jahren die Frage, ob denn alle verrückt geworden sind. Wir jubeln selbstverliebt den immer gleichen, mäßig intelligenten Politikern zu, die anhaltend Politik zu unserem Nachteil machen. Wir laufen massenhaft jeder noch so absurden Bewegung nach, wenn sie nur von den Herrschenden ausreichend legitimiert und von deren Medien hinreichend inszeniert wurde. Besonders den Deutschen sagt man einen Hang zum Untertanengeist nach. Der Nationalsozialismus wird hierfür einerseits als Beleg angeführt, andererseits als Erklärung in dem Sinne, dass man uns mit Hilfe der Nazikeule nahezu jede Zumutung aufladen kann. So weit – so bekannt. Doch die gleichen selbstzerstörerischen Verrücktheiten wuchern eben nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen freien Ländern des Westens.

Krankheit der Seele?
Bei PI-NEWS werden seit Jahren die Symptome und Auswirkungen der alles beherrschenden Politischen Korrektheit dokumentiert und kommentiert. Symptombeschreibung und Dokumentation sind wichtige Schritte auf dem Weg zu einer Therapie. Der nächste Schritt wäre zunächst die Stellung einer Diagnose. Uns könnte eine Art Seelenkrankheit befallen haben. Doch auch das ist vielleicht nur ein Teil der Wahrheit, wie wir später sehen werden. Zu einer Therapie ist es in jedem Fall noch ein langer Weg. Es sitzt jetzt zwar eine AfD in allen deutschen Parlamenten, doch die, wenn sie nicht mal wieder mit sich selbst beschäftigt ist, wendet sich auch höchstens den Symptomen und nicht der Ursache zu. Diese Symptome kennen wir längst. Sie sind immer gleich und sie werden immer stärker. Widmen wir uns deshalb der aussichtslos erscheinenden Suche danach, sie zu verstehen.

Dostojewskis „Der Großinquisitor“
Fjodor Michailowitsch Dostojewski lebte im 19. Jahrhundert und war ein wegweisender russischer Schriftsteller mit einer sehr bewegten Lebensgeschichte. Bedeutende Literaten und Philosophen wurden von ihm inspiriert. In Deutschland gehörten Hermann Hesse, Thomas Mann und Friedrich Nietzsche dazu. Letzterer sah ihn, von seinem atheistischen Standpunkt aus, als Gegner, jedoch als „würdigen“. „Der Großinquisitor“ ist ein Kapitel aus einem der Romane Dostojewskis, das jedoch auch eigenständig unter diesem Namen veröffentlicht wurde.

Von einem Protagonisten des Romans erzählt wird eine fiktive Geschichte, die sich während der Inquisition im 16. Jahrhundert zuträgt:
Jesus kommt erneut leibhaftig als erwachsener Mann auf die Erde, nachdem in einer Stadt rund hundert „Ketzer“ vor den Augen der Herrschenden und des Volkes lebendig verbrannt wurden. Die Menschen erkennen, dass es wirklich Jesus ist und jubeln ihm zunächst zu, doch Jesus wird vom Großinquisitor verhaftet, ohne dass das Volk eingreift. Auch er hat Jesus erkannt, doch es ist nicht im Interesse des Großinquisitors, dass Jesus seine Methoden in Frage stellt. Es stellt sich sogar heraus, dass er längst dem Teufel dient und nichts mehr verachtet als die menschliche Freiheit. Das Volk hat er längst im Griff.

Der Großinquisitor wirft dem gefangenen Jesus nun vor, dass er einst in der Wüste den Versuchungen des Teufels widerstanden hat. Er hätte die Macht des Teufels ergreifen und die Menschen zu unfreien, dummen aber zufriedenen Sklaven machen sollen. Dies beabsichtigt der Großinquisitor nun nachzuholen. Der folgende Ausschnitt des Textes gibt die Worte des Großinquisitors wieder, mit denen er sich an Jesus wendet. Man kann in dem alten Text überraschende Parallelen zur heutigen Zeit finden:

[…] Es gibt keine Sorge, die den freien Menschen so ununterbrochen quälte wie diese, das Wesen so schnell es geht zu suchen, vor dem er sich in Andacht verneigen könnte; denn der Mensch sehnt sich danach, ihn drängt es, das anzubeten, das unbedingt und zweifellos ist, damit auf diese Weise alle Menschen ohne Unterschied in diese Andacht einwilligten. Denn die Sorge dieser erbarmungswürdigen Geschöpfe liegt nicht darin, den Gegenstand zu suchen, vor dem ich oder ein anderer uns verneigten, sondern eben jenen, an den alle glaubten, und vor dem sie dann in die Knie sänken, alle, alle zusammen. Siehst Du, dieses Verlangen nach gemeinsamer Anbetung peinigt den einzelnen Menschen ebenso wie die ganze Menschheit mehr denn jedes andere seit dem Beginne der Zeiten. Und darum, um der gemeinsamen Anbetung willen, rottet ein Volk das andere aus mit dem Schwerte; die Menschen schaffen sich Götter und rufen einander zu: Werft die euren in den Staub und betet zu den unseren, sonst seid ihr und euer Gott des Todes. Und so wird es bis zum Ende der Welt sein, auch dann noch, wenn aus der Welt die Götter gewichen sind. Die Menschen werden dann vor Götzen in die Knie sinken. Du hast um dieses Geheimnis der menschlichen Natur gewußt, Du mußtest darum wissen, aber Du hast das einzige Mittel und Zeichen von Dir gewiesen, welches Dir angeboten worden war, um die Menschen alle dazu zu bringen, sich vor Dir in gemeinsamer Andacht zu verneigen, das Zeichen des irdischen Brotes. Und Du hast es verworfen im Namen der Freiheit und des himmlischen Brotes. Und höre zu, was Du weiter tatest, und wiederum im Namen der Freiheit! Ich habe Dir gesagt, der Mensch kenne keine quälendere Sorge als den ausfindig zu machen, dem er so schnell wie möglich jenes kostbare Geschenk der Freiheit zurückgeben könnte, mit dem dieses unselige Geschöpf in die Welt gesetzt worden ist. Aber nur der bemächtigt sich der Freiheit der Menschen, der ihr Gewissen beruhigt. (Aus: F. M. Dostojewski – Der Großinquisitor)

Unterwerfung aus Angst vor der eigenen Gewissensfreiheit?
Ist das besagte „Verlangen nach gemeinsamer Anbetung“ ein Grund für den kollektiven Irrsinn, der gerade wieder abläuft? Es würde auch die Vehemenz und Aggressivität erklären, mit der Abweichler bekämpft und „verbrannt“ werden, wie die Ketzer von heute. Es ist mal wieder die Mehrheit, die willig vor den neuen Götzen kniet. Doch man will eben, dass ALLE die Knie beugen. Solange das nicht der Fall ist, stellt das die eigene bequeme Gewissheit infrage, dass es eben nur eine einzige Wahrheit gibt. Solange mehrere Meinungen existieren, gibt es eben auch die Zumutung, das eigene Hirn zu nutzen und das eigene Gewissen zu befragen. Das scheint Vielen extrem unangenehm zu sein, nimmt es doch die Bequemlichkeit einer totalen Gewissheit. Ungewissheit erfordert ein eigenes Urteil! Uns Menschen wurde die Freiheit gegeben, uns ein eigenes Urteil zu bilden. Das ist eine Herausforderung. Sehnen wir uns gar die Befreiung von unserer Freiheit herbei?

Neue, selbsternannte „Hüter des Gewissens“ erlangen Macht über die Massen
Dostojewski war Kritiker der Kirche. Doch er war Christ und wollte die Kirche nicht abschaffen. In „Der Großinquisitor“ legt er anschaulich dar, wie der Mensch Würde nur durch Gewissensfreiheit erlangen kann und warum Jesus nicht beherrschen, sondern überzeugen will.

Heute gewinnt Politik wieder zunehmenden Einfluss auf die Kirchen. Der Zeitgeist, der da mit einzieht, ist jedoch antichristlich. Steigt dieser Einfluss, wird Kirche nicht etwa „moderner“, sondern durch den Zeitgeist auf- und letztlich abgelöst. Der Zeitgeist huldigt eher dem expandierenden Islam, der ebenfalls unfreiheitlich und antichristlich ist. Auf diese Weise wird das aufgeklärte Christentum als Orientierung ersetzt. Doch nicht einfach durch Atheismus, sondern durch den unaufgeklärten Islam und neue, austauschbare Götzen, die von den jeweils Herrschenden beliebig aufgestellt und wieder abgebaut werden können. Wer die neuen Götter in Frage stellt, wird nicht zum Dialog geladen, sondern wieder als Ketzer oder eben als „Naaahzie“ gesellschaftlich verbrannt. Wenn Viele am Scheiterhaufen stehen, stellt sich schnell das wohlige Gefühl der gemeinsamen Anbetung ein. Endlich! Alle sind einer Meinung!

Erhöht die Selbstverständlichkeit von „Brot“ die Bereitschaft zum Selbstmord?
Die zitierte Passage bei Dostojewski geht mit diesen Worten weiter:
[…] Mit dem Brote ward Dir die unbestrittene Macht über die Menschen geboten: gibst Du Brot, so werden Dich die Menschen anbeten, denn am Brote zweifelt niemand. Wenn aber zu gleicher Zeit einer sich ihrer Gewissen bemächtigt, ohne daß sie darum wüßten, – o glaube mir, dann wird er auch Dein Brot von sich werfen und dem nachfolgen, der sein Gewissen beruhigt. Darin hattest Du recht; denn das Geheimnis des Menschenlebens liegt nicht allein darin, daß der Mensch lebe, sondern auch in dem Zweck, wofür er lebt. Ohne die zwingende, bedeutende Vorstellung eines Zweckes, für den er leben dürfe, vermag kein Mensch in das Leben selber einzuwilligen, und er wird sich eher das Leben nehmen, als daß er unter solchen Bedingungen auf der Erde verweilte, wenn auch rings um ihn alles zu Brot geworden wäre. […]

Dass „Brot und Spiele“ die Massen gefügig halten, wussten schon die alten Römer. Doch was passiert, wenn man sich „Brot und Spiele“ sicher glaubt? Dann sucht man gesättigt nach irgendeinem Sinn, der leicht zu haben ist. In Europa hat das Christentum jahrhundertelang Sinn und Orientierung gegeben – auch und besonders in Zeiten ohne viel Brot. Das aufgeklärte Christentum erfordert aber eigene individuelle Auseinandersetzung mit der Materie. Ein Suchender muss sich auf Jesus zubewegen, um ihn zu finden. In unserer Zeit gilt man zudem als Christ fast schon als Freak. Viel cooler ist es, bei FFF, BLM oder sonst was mitzulaufen, die dortigen Credos zu rufen oder das Knie dort rituell zu beugen. Das bringt sogar ohne viel Mühe und Risiko weltliche Pluspunkte. Auch das Bekenntnis „Ich bin jetzt Moslem“ gilt in diesem Zeitgeist als „mutig“, während „Ich gehe zur Kirche“ bestenfalls belächelt wird.

Wie stark Religionen und religionsartige Ideologien auf Menschen wirken können, dafür gibt es in der Geschichte massenhaft Beispiele. Menschen sind bereit, dafür enormes Leid zu erdulden oder sogar ihr Leben zu geben. Warum soll das nur für Religionen gelten und nicht auch für die modernen Ersatz- und Pseudoreligionen? Vielleicht erklärt das die Bereitschaft sehr vieler Menschen, für den Zeitgeist bereitwillig Eigentum, Sicherheit, Freiheit und ihr kulturelles Fundament aufs Spiel zu setzen, auf dem sie heute noch recht bequem stehen. Wird ihnen selbst etwas davon genommen, dann können sie sich noch als moderne Märtyrer fühlen. Doch mit der Freiheit geben sie etwas her, das ihnen nicht alleine gehört und das nur sehr schwer wieder zurückzuerobern ist. Hat uns unser Überfluss schon die Fähigkeit genommen, das Wertvollste zu schätzen, was wir zu verlieren haben?

Fazit:
Wer menschliches Verhalten nicht versteht, kann verzweifeln oder nach einer möglichen Erklärung suchen. Menschen bleiben Menschen. Deshalb kann vielleicht sogar eine Schrift von Dostojewski aus dem Jahr 1879 dabei helfen, manche heutigen Phänomene zu erklären. Die Symptome nehmen zu. Dokumentieren wir sie weiter! Doch wir brauchen langsam auch Diagnosen, wenn wir Therapien finden wollen.
(pi-news.net)

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